Die Wegener’sche Granulomatose
Die Wegenersche Granulomatose ist eine sehr gefährliche und potentiell
lebensbedrohende Erkrankung. Sie erfordert deshalb eine umfassende Diagnostik
und eine frühzeitige, aggressive, konsequente und kompetente Therapie, nach
Möglichkeit in einem spezialisierten Zentrum.
Die Wegener’sche Granulomatose gehört zu den entzündlichen Gefäßerkrankungen (=
Vaskulitis). Diese stellen eine Krankheitsgruppe dar mit dem gemeinsamen
feingeweblichen Bild einer Zerstörung und Durchdringung mit Entzündungszellen
des Blutes und anschließender Verengung oder auch Verschluss der Blutgefäße.
Die Wegener’sche Granulomatose nimmt insofern eine Sonderstellung im Spektrum
dieser Erkrankungen ein, dass neben den Entzündungen im Bereich der Gefäßwand,
gefäßnah und gefäßfern, so genannte granulomatöse Veränderungen (Granulome)
vorwiegend in den oberen und unteren Luftwegen, auftreten. Mit Hilfe eines
Autoantikörpers im Blut – cANCA/PR3-ANCA ist die Diagnose weiter zu erhärten.
Krankheitssymptome
Da die Erkrankung meist im ganzen Körper, überall dort, wo Blutgefäße vorhanden
sind, abläuft, treten Allgemeinbeschwerden, wie Abgeschlagenheit, Müdigkeit,
Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, erhöhte Temperaturen, allgemeine Schwäche und
häufig rheumatische Beschwerden auf. Hinzu kommen spezifische Symptome der
befallenen Organe.
Augen
Entzündungen in fast allen Augenabschnitten, charakteristisch ist das »Rote
Auge«.(Episkleritis). Aber es können auch Sehstörungen und Exophthalmus
(Hervortreten des Augapfels durch Granulome hinter dem Auge) auftreten.
Hals-Nasen-Ohren-Bereich
Hier beginnt bei den meisten Patienten die Erkrankung mit meist
blutig-krustiger, chronischer Nasenschleimhautentzündung, später Zerstörung der
Nasenscheidewand. Chronische Mittelohrentzündung mit Hörminderung,
Halsentzündungen, Speicheldrüsenentzündungen, die auf die übliche Therapie nicht
ansprechen.
Luftröhre
Akute Atemnot, Lufthunger, mitunter Erstickungsgefahr, Einengung der Luftröhre
dicht unterhalb der Stimmlippe (Subglottis).
Lungen
Manchmal nur geringe Beschwerden, trotz häufig beobachteten, sehr auffälligen
Lungenverschattungen in Form von Lungenrundherden, aber auch schwere Verläufe
mit Lungenbluten sind möglich, dann auch meist kombiniert mit Nierenversagen.
Gelenke
Allgemeine Schmerzen in den kleinen und großen Gelenken, meistens springender
Natur, aber auch Muskelschmerzen.
Nieren
Davon merkt zunächst der Patient kaum etwas! Schmerzen in den Nierengegenden
wegen Schwellung der Nieren in der Nierenkapsel sind ein sehr spätes
Krankheitszeichen. Der Urin kann auch normal aussehen. Häufig indirekte
Beschwerden wie, Kopfschmerzen bei Blutdruckerhöhung, Schwellungen im Bereich
der Augenlieder und Unterschenkel wegen Eiweißverlusts durch die Entzündung der
Nierenknäulchen (Glomerulonephritis), Übelkeit, Erbrechen und schweres
Krankheitsgefühl beim Auftreten eines Nierenversagens (Urämie –
Wassereinlagerung).
Nervensystem
Taubheitsgefühl mit Missempfindungen in den Finger und Fußspitzen
(Polyneuropathie), Gangunsicherheit, Schwäche wegen begleitender
Muskelentzündung (Myositis).
Haut
Punktförmige (Purpura) oder flächenhafte Verfärbungen und Ulzerationen mit
Zerstörung großer Flächen der Haut und des Unterhautfettgewebes (Nekrose), bei
Beteiligung großer Blutgefäße, z. B. im Bereich der Finger und Zehen (Gangrän).
Sehr häufig kommt es zu einer Erhöhung der Blutsenkungsgeschwindigkeit und des
CRP, einer Verminderung der roten Blutkörperchen (Anämie), einer Vermehrung der
weißen Blutkörperchen (Leukozytose) und der Blutplättchen (Thrombozytose),
Erhöhung von Entzündungseiweißen im Serum. Bei einer Nierenbeteiligung finden
sich rote Blutkörperchen und Eiweiß im Urin. Bei über 90% schwerer
Krankheitsverläufe ist ein cANCA/PR3-ANCA im Blut nachweisbar.
Diagnostik und Krankheitsverlauf
Die Wegener’sche Granulomatose (WG) beginnt häufig schleichend und
uncharakteristisch als »Infekt« meist der oberen Luftwege. In vielen Fällen
führt daher der erste Weg zum HNO-Arzt. Nach längeren, meist vergeblichen
Behandlungsversuchen, treten weitere Beschwerden auf, weshalb der Internist
aufgesucht wird. Da die Zusammenhänge zu diesem Zeitpunkt meist noch unklar
sind, wird dem jeweils im Vordergrund stehenden Organbefall nachgegangen. Fällt
z. B. ein Lungenrundherd auf oder eine andersartige Verschattung, so erfolgt die
Tumorsuche wegen des Verdachtes auf ein Bronchialcarzinom. Die fördert häufig
nur unzureichendes Gewebematerial zutage, weil die Lungenverschattungen im
Lungengewebe ohne Bronchusbeteiligung, m. u. dem Rippenfell nahe liegen. In
einem solchen Fall hilft nur die offene Lungenbiopsie, d. h. die Eröffnung des
Brustkorbes und die gezielte Gewebeentnahme. Dies ist aber selten nötig, denn
relativ gefahrlos kann die WG feingeweblich (histologisch) aus dem HNO-Trakt
(Nasenschleimhaut) gesichert werden, manchmal sind aber mehrere Gewebeproben
erforderlich. Sind die Nieren betroffen, wird man eine Nierenbiopsie anstreben,
bei Befall der Haut, der Muskeln, der Nerven etc. eine Probeentnahme aus dem
jeweiligen Organ. Einen herausragenden Stellenwert hat der Hals-Nasen-Ohren- und
augenärztliche Bereich. Durch gezielte fachärztliche Untersuchung und mehrfache
Gewebeentnahmen, die an einen Pathologen eingesendet werden sollten, der
besondere Erfahrung besitzt, gelingt die feingewebliche Diagnose. Häufig genug
vergeht viel Zeit, bis die endgültige Diagnose feststeht.